Herzensworte – Lebensworte

ERWACHEN FÜR TOD 3: Die mächtigsten Gedanken werden im Herzen gemacht.

Jedes Wort, jede Handlung kann über Leben und Tod entscheiden…Die Macht der Worte und Gesten wurde mir anfangs meiner Praxistätigkeit vor etlichen Jahren ganz deutlich bewusst. Eine Situation die mir unter die Haut ging, lehrte mich: die mächtigsten Gedanken werden im Herzen gemacht. In der Stille. 

Abends um 18 Uhr klingelte das Telefon.

Eine Klientin, die ich erst einmal zuvor gesehen hatte und die aus finanziellen Gründen maximal zwei Sitzungen mit mir vereinbart hatte, sagte mit kurzen Worten ihren bevorstehenden Termin ab. Sie fühle sich nicht gut, wolle ihren nächsten Termin annullieren.

Ich lauschte ihrer Aussage, blieb ein Moment still. Dann erwiderte ich: Ich habe verstanden, dass du den Termin morgen um 9 Uhr nicht wahrnehmen möchtest und habe das so notiert. Allerdings …. – wenn ich da reinspüre, überkommt mich das Gefühl, der Termin könnte für dich wichtig und wegweisend sein. Da der Termin nun schon mal reserviert ist, sage ich dir jetzt einfach mal zu, dass ich morgen um 9 Uhr in der Praxis sein werde. Dies ohne jegliche Verpflichtung für dich, zu erscheinen. Ich möchte einfach nur, dass du weisst, ich werde da sein, falls du mich brauchst. Wir können reden, gemeinsam schweigen oder auch bloss eine Tasse Tee zusammen trinken.

Nun schwieg die Klientin eine Weile. Dann sagte sie mit tränenerstickter Stimme: Ich habe mich gestern Abend umbringen wollen. Heute hatte ich einen Termin bei meinem Psychiater und der hat mir ganz lange ins Gewissen geredet und mir gesagt, dass ich doch eine 8-jährige Tochter habe und mich schon deshalb nicht umbringen dürfe! Für ein weiteres solches Gespräch habe ich einfach keine Kraft.

Mir stockte der Atem. Ich spürte Beklemmung. Es gelang mir gerade noch zu wiederholen: Ich werde da sein, zum Weinen, zum Reden, zum Schweigen, zum Tee trinken………… 10 Minuten, eine halbe Stunde, eine Stunde……………….

Das Gespräch war beendet und in meinem Hirn begann es zu rattern. Fast die ganze Nacht zog ich Register um Register. Wie konnte ich sie retten? Was konnte ich ihr sagen? Wie ihr begegnen? Die Frau hatte doch ein Kind……….! Und überhaupt wie begrüsst man jemanden, der sich am Vortag das Leben nehmen wollte? Trug ich ein rotes Kleid, könnte sie mich als unsensibel erachten. Trug ich ein schwarzes Kleid, könnte sie sich fragen, ich bin doch noch nicht Tod, warum trägt sie schwarz? Oder durch das Schwarz meiner Kleider gar in eine Depression verfallen. Einfach nur zu fragen: „na, wie geht’s“ war auch nicht angebracht………….

 

Angstfrei werden

An Schlaf war in dieser Nacht nicht zu denken und je näher der Morgen kam, desto ruheloser wurde ich. Solange ich mir die Verantwortung für ihr Leben auferlegte, hatte jedes Wort, jede Geste die Macht über Leben und Tod zu entscheiden………

Dann plötzlich die erlösende Erkenntnis:

Ich kann die Verantwortung für ihr Weiterleben gar nicht tragen. Ich  übergebe sie in grössere Hände!

 

Der mächtigste Gedanke wird im Herzen gemacht.

Dann endlich konnte ich mich zur Meditation hinsetzen und mich leer, leer, leer laufen lassen.

So lange bis ich bereit war, all meine Grenzen aufzugeben. Mich für  eine Lösung ausserhalb meiner bisherigen Grenzen zu öffnen.

 

Ich sehe DICH – ist so ein schöner Satz.

Vollkommen leer und ruhig ging ich am kommenden Morgen in meine Praxis. Ich war in Kontakt gekommen mit dem Teil von mir, der manchmal auch die Schnauze voll hat und einfach nicht mehr weiter weiss und mag.

Der Rest ist bald erzählt. Meine Klientin kam, dankte mir für meine Bereitschaft da zu sein und leicht fanden wir den Einstieg in unser Gespräch indem ich ihr den Boden bereitete mit meiner Aussage: Ja, wir alle – auch ich –  kennen diese Momente, wo alles zu viel, zu schwer, zu schwierig ist. Wo erstmal kein Weg weiterzuführen scheint……………….. Tränen kullerten. Wir lachten, tranken Tee, hielten uns im Arm und eine grosse Last fiel ihr und mir während des Arbeitens von den Schultern.

 

Wenn wir von unseren Bewertungen runterkommen und andere SEHEN geschieht Heilung.

Die Klientin und ich, wir haben uns nicht wiedergesehen. Aber in meinem Herzen wusste ich, die Frau ist überm Berg. Sie fühlte sich wahrgenommen, gehört und getragen. Ihre Einsamkeit, ihr sich alleine und getrennt fühlen, hatte sich in ein vertrauensvolles Angenommen sein verwandelt und daraus zog sie neue  Kraft. Sie war wieder eingewoben ins grosse Lebensgewebe.

 

Ich sehe DICH – ist so ein schöner Satz. Gerade über die Festtage fühlen sich viele Menschen einsam, überfordert, verzweifelt. Warten wir nicht, bis sie aus Ratlosigkeit sich selbst verletzten oder gar töten. Lauschen wir achtsam auf ihre Worte und Gesten und binden wir jeden einzelnen ein, ins grosse Lebensgewebe, das Gespinst , das wir Liebe nennen.
Ich sehe DICH – ist so ein schöner Satz. Gerade über die Festtage fühlen sich viele Menschen einsam, überfordert, verzweifelt. Warten wir nicht, bis sie aus Ratlosigkeit sich selbst verletzten oder gar töten. Lauschen wir achtsam auf ihre Worte und Gesten und binden wir jeden einzelnen ein, ins grosse Lebensgewebe, das Gespinst , das wir Liebe nennen.

 


Kommentare

2 Gedanken zu „Herzensworte – Lebensworte

    1. Liebe Irana, ich freue mich, wenn meine Texte dich berühren, freue mich, dass du meine Leserin bist, dir Zeit für meine Worte nimmst und dich hier mit deinen Zeilen sichtbar machst. Danke dir! Und übrigens, jede Frau sollte ein paar Menschen um sich haben, dir ihr applaudieren.

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