Segen empfangen

ERWACHEN FÜR TOD 5: Als Begleitperson im Sterbeprozess tendieren wir dazu, dem Sterbenden laufend etwas Gutes tun zu wollen. So vergessen wir manchmal, dass auch Sterbende uns gerne noch was schenken möchten, die Beziehung in Balance halten wollen. Dass manch Betroffener sich abhängig fühlt, sich gar zurückzieht, weil er glaubt, nichts mehr geben zu können.

Während der letzten drei bis vier Lebenswochen, die mein Lebenspartner auf einer wunderbaren Palliativstation verbrachte, liebte er es manchmal, von mir mit Rosenwasser gewaschen zu werden. Genoss es, wenn ich ihm liebevoll alte Geschichten und die Erdenschwere von den Füssen abwusch, ihn beim Abschied segnete. Ihm die Freiheit gab, auch während meiner Abwesenheit seinen Körper verlassen zu dürfen, wenn es für ihn richtig war.

An einem sehr heissen Sommertag des Jahres 2015 setzte ich mich nach unserem kleinen Waschritual schweigend an G.s Bett.  Er nahm meine Hände in die seinen, dankte mir leise.  Lange sahen wir uns an. Schweigend im Sein. Schwingend in Liebe. Seine Augendeckel fielen immer mal wieder zu.

Dem anderen Anteil geben an der Macht des Lebens

Meinem Impuls folgend sagte ich in die Stille: ich hätte noch eine Bitte an dichwürdest du mich segnen?

Eine Welle von Freude. Seine Augen lächelten. Er schloss die Augen und ich konnte fühlen, welche Anstrengung es für ihn war, sich zu konzentrieren. Doch mein Anliegen bedeutete ihm viel. Leise und liebevoll murmelte er seinen Segen für mich, seinen Dank, seine Wünsche, seine Herzensgebete.

Uns beiden liefen die Tränen über das Gesicht als er mir sanft mit seinem Daumen das Kreuz auf die Stirn zeichnete.

All seine Zuneigung und Zärtlichkeit hat er in diesem Moment in den Mantel meines Lebens hineingewoben. Und ich hörte in diesem Moment eine Botschaft, die er so nicht laut ausgesprochen hatte: „Was ich kann, das wirst du auch können – sterben.

 

Erschöpft lehnte er sich danach in seine Kissen zurück. Frieden und ein seliges Lächeln lagen auf seinem Gesicht. Einer der innigsten, licht- und liebevollsten Momente unserer Beziehung. Gesegnet mit Tränen  – dem Wasser des Lebens.

 

Und wie wäre es möglich ohne Liebe?

Stille.

Und mit Begierde atmeten wir beide den Duft des heilig durchsichtigen Geheimnisses.

Als ich etwas später den Raum verliess, erfasste mich eine grenzenlose Liebe zum Leben.

 

Der Tod war nicht das Nein zum Leben, nicht der absolute Gegensatz und feindliche Widerspruch, sondern der andere Pol: kein Leben ohne Tod.

 

Ich ging spazieren.

Stand am Rande einer Wiese.

An einem Mittag im hohen Sommer.

Ich stand und sah,

wie das Gras sich neigte;

grossflächige silberne Wellen schlichen darüber hin,

kaum merklich,

gleichmässig wie Atemzüge eines Schlafenden.

 

Mit weit offenen Herzen segne ich heute auch dich, meine liebe Leserin,mein lieber Leser, berühre dich mit  meiner Liebe, deinem Licht, deinem Himmel – Möge dein Licht auf der Erde scheinen.

Kyra

 

Ein „gefällt mir“ von dir, ein Kommentar sind mir Segen, verweben uns in der Gemeinschaft des Lebens. Herzlichen Dank!

 

 

 

 


Kommentare

6 Gedanken zu „Segen empfangen

    1. Danke für dein Feedback, liebe Irana,liebevolle Rückmeldungen sind Segen für mich! Helfen mir am Puls des Lebens, nahe am Leben meiner Leserinnen und Lesern zu sein.

    1. Liebe Lahsara, es ist schön für mich zu wissen, dass meine Texte dich berühren. Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, mir dies auch mitzuteilen. Danke!

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